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Philippe Bourrinet

Controverses

Posted on January 5 2013 by Philippe Bourrinet

Der Rätekommunismus
Council communism, communisme des conseils


Den Rätekommunismus kennzeichnet eine Theorie und eine Praxis die von verschiedenen revolutionären marxistischen Strömungen seit dem Anfang des 20sten Jahrhunderts angenommen und propagiert worden sind, im Bruch mit der Sozial-Demokratie, danach mit dem offiziellen Kommunismus



Bewegung und Ziel der Arbeiterräte


Diese Strömung findet ihren Ursprung in der Massenstreikbewegung, wie sie sich seit dem Anfang des 20sten Jahrhunderts entwickelt hat, insbesondere in der ersten russischen Revolution von 1905. Sie hatte als erste Theoretiker Henriette Roland-Holst und Anton Pannekoek in den Niederlanden und Rosa Luxemburg in Deutschland (Massenstreik, Partei und Gewerkschaften). Diese Massenstreiks, von Natur aus politisch und nicht gewerkschaftlich, hatten nichts gemeinsam mit dem Generalstreik gewerkschaftlicher Art der von den Anarchosyndikalisten bzw. von den revolutionären Syndikalisten propagiert wurde. Die Streiks stellten, wie schon der erste Theoretiker des Räte-Kommunismus, Anton Pannekoek, bestätigte, die Machtfrage, die Frage der “Diktatur des Proletariats”, und damit der Zerstörung des kapitalistischen Staates. Lenin erinnert sich daran in seinem Buch Der Staat und die Revolution.

Die Bewegung des Massenstreiks gipfelte in der Bewegung der Arbeiterräte (“Sovjets”) die sich 1905 und 1917 in Russland gebildet haben, in Deutschland während der Revolution von 1918 bis 1920, in Italien mit der Erfahrung der Fabrikräte von Turin (1919), in Ungarn 1918 – 19 und 1956.

Für den Rätekommunismus sind die Arbeiterräte keine Massengewerkschaften: sie sind die politische Form der direkten Demokratie in der sie die Gesamtheit der Proletarier vereint, Arbeiter und nicht-ausbeutende Schichten, im Laufe einer revolutionären Periode in der sich die Machtfrage stellt. Die einfache Umbildung dieser Räte in Verwaltungsorgane (Organe der Produktion oder der Mitverwaltung) – wie in Rußland seit 1918 – oder ihre politische Liquidierung zugunsten einer ‘nationalen’ Konstituierenden Versammlung – wie in Deutschland 1919 – markiert ihr Verschwinden.

Für den Rätekommunismus können die Räte nur ‘proletarisch’ sein; sie sind es, die die Revolution leiten und die Macht ergreifen im Nahmen der gesamten Gesellschaft. Der Rätekommunismus stellt sich also dem ‘Partei-Kommunismus’ gegenüber, ins besondere dem Leninismus (und seine ‘staatskapitalistischen Ableger’ : Trotzkismus, Maoismus, Stalinismus, Titoismus, Castroismus, usw.) nach welchen die Räte der alleinigen Autorität der kommunistischen Partei unterworfen sein sollen, die ihrerseits die Revolution führen, sich der Staatsmacht ermächtigen und die sozialistische Gesellschaft ‘aufbauen’ soll.

Da er die Errichtung einer Gesellschaft ohne Klassen und ohne Ausbeuterstaat zum Ziel hat, betrachtet der Rätekommunismus den Staatskapitalismus als lautere Fortsetzung der Macht der Privatkapitalisten im Rahmen eines Staates der – unter der Führung einer Bürokratie oder einer Kaste von Funktionären und “Spezialisten” – zum ‘idealen Gesamtkapitalisten’ (Engels) wird, der beauftragt ist mit der Sicherung einer primitiven Kapitalakkumulation in einem geschlossenen nationalen Rahmen. Dieser ‘nationale Sozialismus’ ist also kein ‘historischer Fortschritt’ - auch dann nicht wenn er als später Ersatz der ‘bürgerlichen Revolution’ in einem rückständigen geographischen Gebiet betrachtet werden kann – doch ein Rückschritt in ein primitives Stadium des Kapitalismus, jedoch beraubt von dessen ‘jugendlichen Dynamismus’. Seine Ausdehnung widerspiegelt sich in der militärischen Spähre (Bewaffnungs-ökonomie) und nicht in einer Entwicklungssphäre des internationalen Handels.

Es ist also die Negation des nationalen Rahmens, vervielfacht in der Bewegung der Globalisierung der proletarischen Revolution, die den Rätekommunismus am besten charakterisiert. Dieser anerkennt im nationalen Faktum nur ein vorübergehende Gegebenheit in der Geschichte der Weltgesellschaft. Die Machtergreifung der Arbeiterräte auf dem Boden der Nation (“Sozialismus in einem Land”) hat keinen Sinn. Sie kann nur Wurzel schießen wenn sie gleichzeitig zumindest eine Gruppe von Ländern umfaßt, und damit von Anfang an die Grundlagen einer Ideologie der Verteidigung des ‘sozialistischen Vaterlandes’ untergräbt.

Weil die Arbeiterräte auf einer territorialen Grundlage errichtet werden können sie keine reine nationale Existenz haben. Die Institutionalisierung einer Föderation von sozialistischen Räte-Staaten ist also ausgeschlossen. Die Macht der Arbeiterräte in mehreren Ländern, auf einem Kontinent, dann auf mehreren, kann sich nur auf eine freie und gleiche Assoziation von territorialen oder regionalen Arbeiterräten gründen, die sich auf die Produktionsgemeinschaften basieren, und die dadurch das nationale oder nationalisierende sprengt. Die Föderation von ‘territorialen Kommunen’ führt zur Errichtung eines weltweiten Kommune-Staates (Theorie entwickelt von der KAPD, insbesondere von Karl Schröder und Anton Pannekoek).



Eine « neue Arbeiterbewegung »


Seit den 1930er Jahre vertritt der Rätekommunismus die Auffassung daß der Erste Weltkrieg alle Grundlagen der alten Arbeiterbewegung untergraben hat, wie sie organisiert war in Gewerkschaften und Parlamente. Diese alte Bewegung beruhte auf fortschreitende und partielle Eroberungen wie auf der Suche nach Allianzen mit den ‘fortschrittlichen Fraktionen’ der herrschenden Klasse, im Hinblick auf eine graduelle und legale Machtübernahme. Aus der Erwägung daß der traditionelle Kapitalismus in die Phase seiner ‘Todeskrise’ eingetreten war, folgerte der Rätekommunismus daß jede neue Arbeiterbewegung, aus Prinzip (und also nicht zufälligerweise):

die Form der Gewerkschaft, offiziell wie syndikalistisch (industriell oder von der Basis her) verwerfen muß, als Ausdruck eines utopischen Reformismus, dessen einzige Funktion ist: entweder die sozialen Kämpfe auf den unmittelbaren wirtschaftlichen Boden zu beschränken, oder die Arbeitskraft gesetzlich im Rahmen einer dreigeteilten Verwaltung durch Staat, Bosse und ‘legale Vertreter’ der Arbeit einzuschließen. Nach dem Rätekommunismus sind die neuen Organisationsformen, die die alten Gewerkschaften ablösen, die ‘Arbeiterunionen’, geboren aus dem revolutionären Kampf, Organe des politischen und wirtschaftlichen Kampfes, und die Aktionskomitees von Arbeitslosen, die spontan aus den Bedürfnissen des Klassenkampfes hervor sprießen.

den parlamentarischen Rahmen und jede ‘Wahltaktik’ verwirft. Der Rätekommunismus vertritt die Auffassung daß in einer Periode der revolutionären Vorbereitung, in der das Proletariat wirkliche soziale Errungenschaften nur durch eine radikale Veränderung der Gesellschaft erlangen kann, die Teilnahme an Wahlen eine tödliche Falle ist, wie die Akzeptierung der konstitutionellen Versammlung in Deutschland im Januar 1919. Von einer revolutionären Tribüne vor 1914, ist das Parlament zu einem elektoralen Zirkus geworden, nach dem Ebenbild des Zirkus Busch von Berlin, wo die Räte sich selbst legal abdankten und alle Macht an die konstituierende Versammlung abtraten. Die einzig mögliche Teilnahme an Wahlen ist also die der Basis der Arbeiterräte, während der Ernennung (bzw. der Absetzung) ihrer Abgeordneten.

jegliche Unterstützung, auch taktische, an Bewegungen zur ‘nationalen Befreiung’ verweigert, und der nationalen Idee immer die des Klassenkampfes für die Eroberung der Macht ausschließlich durch das Proletariat (Arbeiter und arme Bauern) gegenüberstellt; durch die einzige Klasse die Träger eines historischen Fortschritts ist.



Strömungen des Rätekommunismus und Fragen der Klassenorganisation


Der Rätekommunismus wird manchmal auch bezeichnet als ‘Linkskommunismus’. Hervorgegangen aus der KAPD in Deutschland (die im April 1920 errichtet wurde nach den Ausschlüssen aus der KPD auf dem Heidelberger Kongreß im Oktober 1919) und aus der Bewegung der Arbeiterunionen (AAU und AAU-E), kannte diese Strömung eine gewisse geographische Ausweitung (Deutschland, die Niederlande, Bulgarien, Ungarn, Großbritannien, Dänemark, den USA), und eine Reihe Theoretiker so verschieden wie Herman Gorter, Anton Pannekoek, Otto Rühle, Sylvia Pankhurst, Henk Canne-Meijer, Paul Mattick und Cajo Brendel.

In den 1960er Jahren (vor Allem nach 1968) sind die Ideen die diese Strömung propagierte in Form kurzlebiger Gruppen aufs Neue aufgetaucht: in den USA in mitten der ‘New Left’, in Root and Branch; in Europa vermittelst der Informations et Correspondances ouvrières (ICO) – hervorgegangen aus ‘Socialisme ou Barbarie’ von Castoriadis und Lefort – der Situationistischen Internationalen und von Solidarity (Maurice Brinton) in Großbritannien, usw.

Wenn der Rätekommunismus sich heute kaum von der libertären Strömung zu unterscheiden scheint, in dem er sich als eine ‘anti-autoritäre Strömung’ betrachtet, ergibt sich daraus nicht unbedingt eine politische Übereinstimmung:

Sogar in seinen ‘libertären’ Ausdrücken (Otto Rühle) hat sich der Rätekommunismus als eine marxistische Strömung betrachtet, die sich insbesondere auf Rosa Luxemburg und Anton Pannekoek beruft.

Während er die ‘Parteiform’ – ‘im traditionellen Sinne’ nach der KAPD in 1920 – verwirft, vertreten die verschiedenen Schattierungen des Rätekommunismus die Auffassung daß "die Revolution keine Parteisache” ist, jedoch wirkliche Organisationsprobleme umfaßt, die sich auswirken in der fortwährenden Erscheinung von politischen Gruppen.

Im Unterschied zu den traditionellen libertären Strömungen, hat der Rätekommunismus sich niemals im anarchistischen Föderalismus wiedererkannt und in dessen Verwerfung jeglicher Zentralisierung des Klassenkampfes. Nur die Strömung Otto Rühles hat sich den föderalistischen Konzeptionen des klassischen Anarchismus angeschlossen.

Vor Allem, auf der Ebene des Klassenkampfes ist der Rätekommunismus der Idee einer Massenorganisation treu geblieben, die nicht aus einem mythischen ‘Generalstreik’ hervor kommt (die Konzeption Albert Sorels), doch aus dem Massenstreik. Dieser bleibt politisch und mündet aus in einer gewalttätigen Konfrontation mit dem Staat, was die traditionell pazifistischen Strömungen des Anarchismus leugnen.

http://www.leftcommunism.org/



leftcommunism@gmail.com

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